Fr 10 Jul 2009
Geisteswissenschaften – brotlose Kunst?
Erstellt von d.diggler unter Allgemein , Arbeit , Arbeitsagentur , Bewerbung , Freizeit , Gesellschaft , Jobbörsen , Online Bewerbung , Praktikum , Vorstellungsgespräch , Wissenschaft , Zeitarbeit[6] Kommentare
Die Bundesregierung will immer mehr Heranwachsende zum Studium bewegen, wenn auch mit zweifelhaften Mitteln wie Studiengebühren und Bologna-Prozess. Die eigentliche Revolution innerhalb des Studiums findet nicht in den Hörsäalen statt, sondern erst beim Eintritt in die Arbeitswelt von Wirtschaft und Wissenschaft. In einer geistlosen Welt braucht niemand Geisteswissenschaftler!
Die Seminare sind voll, die Fächer mit einem NC belegt und die Wartelisten sind lang – so kennen wir es seit Jahrzehnten bei den Geisteswissenschaftlern, so ist es auch noch heute. Es gibt nur ein Problem dabei! Die Geisteswissenschaften haben sich zu einer brotlosen Kunst entwickelt. Zugegeben, wer Geschichte oder Archäologie studierte, der wusste schon immer, dass er vom Arbeitsmarkt nicht viel zu erwarten hatte, es sei denn er hatte Kontakte und einen guten Mentor. Gleiches gilt für die Medienwissenschaftler, mit dem Boom der Neuen Medien wurde ihnen eine glänzende Zukunft versprochen – heute schlagen sie sich nach dem Studium von Praktikum zu Praktikum oder arbeiten irgendwo als Hilfskräfte.
Wer heute Arbeit und gutes Geld verdienen will, der muss Chemie, Physik, Maschinenbau, Jura, Medizin oder Informatik studieren. Hier gibt es allerdings ein Problem, diese Bereiche sind mittlerweile unterbesetzt und müssen Studenten locken, beispielsweise mit kostenlosen Laptops für Studienanfänger, wie bei der Uni Paderborn. Die Fachbereiche sind mittlerweile als Nerd-Wissenschaften verschrien und die meisten nehmen lieber in Kauf keinen Job zu finden, als ihr Leben der Mechanik, dem Periodensystem oder menschlichen Anatomie zu widmen.
Natürlich können die Arbeitsberater und Studienberater auf diese Problematik hinweisen, natürlich können Landesregierungen und Unis gegensteuern und Studienplätze reduzieren, letzlich zeigt dieser Sachverhalt allerdings das eigentliche Problem hinter einem Arbeitsmarkt aus Angebot und Nachfrage: Der Job ist keine Erfüllung, sondern dient der Gesellschaft und den Unternehmen.
Jeder kann nach wie vor studieren was er möchte, wenn er qualifiziert ist. Geht es aber um den Job und das Geldverdienen, dann ist Schluß mit der freien Berufswahl. Wer auf das falsche Pferd setzt oder sich berufen fühlt, fällt hart in der Wirklichkeit der Arbeitswelt, ohne Vetternwirtschaft bzw. Networking läuft hier kaum noch was.
“Freie Berufswahl” hört sich toll an, “freie Jobwahl” noch toller – wird aber Utopie bleiben.




Juli 15th, 2009 at 23:25
Man muss halt das Beste daraus zu machen. So blöd der Spruch klingt so wahr ist er doch: Das Leben ist kein Wunschkonzert! Es gilt sich zu arrangieren.
März 24th, 2010 at 19:45
Dito ! Ich kann dir nur zustimmen ! Aus eben diesen Gründen habe ich mein Studium einer Geisteswissenschaft an den Nagel gehängt und mache jetzt Physik. Das macht mit auch Spaß und meine Chancen stehen – erheblich – besser. Ich finde das aussterben der Geisteswissenschaften auch nicht sonderlich bedauerlich. Wir leben in einer harten Welt, regiert vom Geld, man muss sich durchsetzen. Die Gräber werden sich mit den ausgemergelten Leichen verhungerter Geisteswissenschaftler füllen, das prophezeie ich euch …. Leute, rettet euch und macht was gescheites !!!
März 24th, 2010 at 20:22
ok, das bedeutet aber in der konsequenz, dass jeder immer das arbeiten sollte was einen ernährt und nicht das was einem spaß macht und wo man talent besitzt.
im umkehrschluss ergeben sich dann ebenso folgende fragen:
gibt es einen einzigen nobelpreisträger der diesen standpunkt vertritt? kommt nur der am weitesten der den meisten biss hat? gibt es dann zukünftig keine gesellschaftliche entwicklung mehr? und die alles entscheidende frage: warum müssen wir dann arbeiten gehen, wenn roboter doch die gleichen qualifikationen erfüllen?
ich glaube, dass so eine denke in den burn-out, tiefe private und gesellschaftliche depression und letztendlich wirtschaftlichen stillstand führt. sicherlich will jedes unternehmen für sich das beste rausholen, doch hat keines der unternehmen einen gesellschaftlichen masterplan.
wer nur auf die belange der industrie setzt hat keine zukunft, weder emotional noch wirtschaftlich.
versteht das bitte nicht falsch. mir ist klar, dass ihr diese standpunkte nicht unterstützen könnt, weil ihr dann euer gesamtes leben und wirken kritisch hinterfragen müsstest. aber was den menschen ausmacht ist das streben nach glück.
März 27th, 2010 at 03:27
Du solltest doch nicht vergessen, dass die Geisteswissenschaften erheblich weniger zur gesellschaftlichen Entwicklung beigetragen haben als die Naturwissenschaften ! Gerade jene Naturwissenschaften, die sich mit der Genese des Universums befassen – Astronomie, Physik , Chemie, Mathematik – haben das Denken der Menschen mehr verändert als Soziologie und vergreiste Philosophen, die sich immer und immer wieder bei der Antike bedienen – glaub mir, ich kenne die Geisteswissenschaften gut genug. Die Frage, ob man das machen soll, was einen ernährt oder das, was spaß macht, ist doch an sich schon kompetent ! Nur der kleinste Teil der Menschheit kann sich diese Frage erlauben. Sieh dir doch die Geisteswissenschaften an ! Während Biologie, Informatik etc unglaubliche Veränderungen bewirken, beschäftigen sich diverse Historiker mit immer wieder aufgewärmten Fragen. Mit Dingen wie “Slawische Machtverlagerung während der frühen Völkerwanderung.” etc, es wird publiziert und “geforscht”, doch wenig Wissen entsteht. Hat diese Gesellschaft schon jemals aus der Geschichte gelernt ?
Eher nicht. Und wieso ? Weil die Geisteswissenschaften für sich arbeiten, nicht für die Welt. Diesen Luxus können und sollen wir uns nicht leisten.
Das Streben nach Glück ? Du bist lustig, die meisten Menschen auf der Welt bangen jeden Tag um ihr Essen…. du bist borniert, nicht ich, der ich die Sinnhaftigkeit der Geisteswissenschaften hinterfrage.
März 27th, 2010 at 03:39
verzeihung. Statt “an sich schon kompetent” meine ich natürlich “an sich schon dekadent.”
März 29th, 2010 at 14:28
das muss ich zurückgeben, mit der einsicht dir gegenüber – bornierten menschen sollte man nicht widersprechen.
aber ich gehe trotzdem mal deiner argumentation und stolpere gleich bei der ersten behauptung: die naturwissenschaften haben der gesellschaft mehr gebracht als alle anderen fachgebiete. abgesehen davon, dass du dich hier als atheist outest, was ich eigentlich gut finde, stelle ich doch die berechtigte gegenfrage auf, wo wäre die welt ohne sprache oder schrift?
deine aussage ist echt lustig, weil du anscheinend mit geisteswissenschaften nur soziologie und philosophie verbindest.
geisteswissenschaften umfasst neben relativ neuen bereichen wie medienwissenschaften, die altbekannten sprach-, kunst, religions-, geschichts- und auch wirtschaftswissenschaften, obwohl ich persönlich hier nur im bereich der VWL und marketing die geistesarbeit erkennen kann.
aber wie dem auch sei, egal, du weißt leider nicht, dass ich sowohl chemiker als auch medienwissenschaftler bin und somit beide disziplinen vereine. aus diesem grund erlaube ich mir auch eine übergreifende meinung.
wenn du das streben nach glück einen luxus nennst, was treibt dich dann an? was erwartest du persönlich von deinem leben? warum schiebst du hungernde menschen in ländern der dritten welt als ausrede vor? spendest du dein geld an caritative organisationen oder bist du eher sozial-darwinist?
es wird dich vielleicht erstaunen, aber das elend in der welt lässt sich nicht durch naturwissenschaften lösen, sondern nur durch überzeugungen und geisteswissenschaften! denk mal drüber nach