Bericht aus der Bildungswirklichkeit

Man, bin ich Wochenend-verdient. Ich komme aus einer Hauptschule, in der ich eine Woche lang, sechs Stunden am Tag, fünf Klassen in den Beruf orientiert habe. Hauptschule, uih.
Messer, und schiefe Baseballcaps und viele Ausländer, viel zu junge Mädels in viel zu kurzen Röcken und alle können so gerade ihren eigenen Namen richtig schreiben.

Teils-teils.

Die Einen sind sehr engagiert, haben in drei Schulpraktika schon eine Berufsrichtung gefunden und verfolgen die Schulzeit mit der Motivation: bloß fertig werden damit- danach wird alles besser. Die Anderen (ca. ein Drittel) haben trotz Praktika immer noch keine Ahnung, wo’s mal hingehen soll. Und das fand ich wirklich erschreckend. Nachbereitung der Schule? Null. Austausch mit Lehrern über eigene Stärken und Schwächen? Null. Dann ist da noch ein kleiner Rest von Utopiern. Berufswusch: Schauspielerin, Pilot, Arzt, Politiker, Rapper, Richter (läuft die „Salesch“ eigentlich noch?). Großes Erstaunen wenn klar wird, welche Qualifikationen gebraucht werden. Noch eine bittere Erkenntnis: der Beruf Arzthelferin hat zwar was mit Arzt zu tun, wird aber nicht ansatzweise so gut bezahlt. Aaach?!?

Wirklich überrascht hat mich aber eine junge Frau, die gut eine Stunde zu spät kam, die Lehrerin saß kommentarlos hinten in der Klasse, und auf mein „Guten Morgen“ kam keine Antwort, was nur mich verdutzte, aber niemanden sonst. Auf meinem fragenden Gesichtsausdruck reagierend meinte die Lehrbeauftragte: „die kommt aus Polen und versteht Sie nicht. Können Sie vergessen. Lassen Sie sie einfach da sitzen.“ Bitte was? Und das war nicht der einzige Fall. Wie groß ist denn der Teil von Schülern, die da einfach mitgeschliffen werden, keinen qualifizierten Abschluss machen und an die nächste Schulform überwiesen werden? Sollen die sich doch damit rumquälen!“

Die schlimmste Zeit waren übrigens die Pausen im Lehrerzimmer. Sowas an Frust, Resignation und Front gegen Schüler hab ich noch nicht erlebt. Offene Freude über schlechte Noten Einzelner , Unheimlichen Vorwarnungen („bei dem müssen sie gleich aufpassen, der fackelt nicht lange“) und Gemecker an allen Ecken und Enden. Hallo?? Das ist doch genau Euer Job! Eure Klientel. Und wer das nicht begreift und umsetzen kann, motivierend, unterstützend, begleitend, schwänzt einen anderen Beruf. Da kann ich viel Berufsorientierung machen wenn die Lehrer schon bewußtlos-orientierungslos sind. Zum Glück gibt es auch andere: Samt und Sonders jung oder ganz klar mit Visionen aus einem anderen Beruf gewechselt. Doch das sind wenige.

Und die Rowdys, denen ich aus dem Weg gehen sollte, waren absolut handzahm, weil ich ihnen mit Respekt begegnet bin. Die waren fit, auch emotional und sozial. Die haben sich einfach nicht alles gefallen lassen. Aber wer einmal in der Schublade sitzt, kann am Ende bei allen Anschuldigungen, aus Frust nur noch so werden wie das Klischee. Aber das ist schulgemacht.

Da ist bildungspolitisch das Schulboot dermaßen in Schieflage geraten, dass mir Diskussionen um Elite-Universitäten immer unmenschlicher vorkommen. Das System hat aufgegeben und sich damit abgefunden, Looser zu produzieren und zu verwalten. Oder brauchen wir dieses Kastenwesen? Für gestiegene Ansprüche? Die Zahl der Hilfsjobs wird steigen. Service und geringe Dienstleistungen werden die Tätigkeiten sein, die Menschen ohne Qualifizierung den Broterwerb sichern werden. Für mehr wird es nicht reichen. Flaschen einsortieren im Getränkemarkt. Glück hat, wem mangels Intelligenz die Monotonie nicht auffällt. Aber viele werden sich 11000 Tage lang quälen, weil sie nicht entsprechend ihrer Schwächen unterstützt und Potentiale gefördert wurden. Und das ist viel mehr als Unglück..

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