Di 1 Sep 2009
70. Gedenktag zum Überfall auf Polen – Über Sinn und Sinnlosigkeit und medialen Wandel
Erstellt von d.diggler unter Allgemein , Geschichte , GesellschaftKeine Kommentare
Heute vor 70 Jahren begann der Überfall auf Polen und damit der offizielle Beginn des zweiten Weltkriegs. Viele Menschen erinnern sich noch persönlich an diese Tage und haben den Schrecken selbst miterlebt. Aus diesem Grund ist der Gedenktag an dieser Stelle legitim, auch wenn es Stimmen dagegen gibt.
Wir feiern aktuell 2000 Jahre Varus-Schlacht im Teutoburger Wald, wo der gute alte Arminius den Römern gezeigt hat was die alten Germanen so alles drauf hattem. Natürlich ist dies eine Feier wert. Was es sicherlich nicht geben wird, ist das Silvio Berlusconi einen Gedenktag zum Einmarsch römischer Truppen in Germanien abhalten wird. Das ist auch gut so. Ebenso wird es keinen Gedenktag für den Einmarsch Napoleons in Westfalen geben.
Aber warum wird solcher Tage nicht gedacht und wer denkt überhaupt an wen? Nun, hier stehen zwei Gründe im Vordergrund, zum einen hat es im Prinzip immer mit der Schuldfrage zu tun wer an wen denken darf und zum anderen mit der Zeit die seitdem vergangen ist. Wenn keiner mehr lebt, der Augenzeuge des Geschehens war, wird oftmals auch nicht mehr gedacht. So einfach ist das.
Allerdings kommt beim zweiten Weltkrieg und den Nazis noch ein weiterer Faktor hinzu. Kein Krieg war je gewaltiger, kein Krieg war je zuvor medialer und kein Krieg war je zuvor so gut dokumentiert wie dieser. Genau das macht zum Beispiel den Unterschied zwischen den Völkermord der Deutschen an den Juden und an den Türken an den Armeniern aus. Die Deutschen haben einfach jeden einzelnen Toten genau dokumentiert und verwaltet. Bei den Armeniern gibt es nur die Überlebenden die irgendwann sterben.
Das geschriebene Wort hat mehr Macht als man glaubt, den es ist unvergänglich. Das gilt nicht nur für Literatur und Prosa, sondern für alles. Selbst die Schundbücher von Dieter Bohlen und Co. wird es in 200 Jahren noch geben, allerdings wird diese glücklicherweise niemand mehr lesen
Das Gedenken hat seit dem zweiten Weltkrieg eine mediale Form angenommen, die durch das Internet und die Digitalisierung noch ins unermessliche gestiegen ist. Alleine Google erinnert und gedenkt fast jedem Tag einem anderen Menschen einem anderen Ereignis oder einfach nur sich selbst.
Allerdings hat diese neue Form des Gedenkens auch einen entscheidenden Nachteil – Gedenken wird inflationär und der Stellenwert des einzelnen Ereignisses ist zwar weltweit präsenter, allerdings dafür auch oberflächlicher. Gebe es das Internet heute nicht, dann wäre Angela Merkel vermutlich an die polnische Grenze geflogen und hätte zusammen mit den Polen an den Beginn des zweiten Weltkriegs gedacht.